Dior schafft es auch ohne den Star Galliano

Paris (dpa) - Bei Dior haben die «Petites Mains», die Menschen des Atelier-Teams, einen großen Auftritt. Sie kommen am Ende der Modenschau in weißen Schneiderkitteln auf den Laufsteg. Mit Spannung war dieser Moment erwartet worden, hatte sich doch die Modeszene gefragt, wer anstelle des gefeuerten Designers John Galliano diese Prêt-à-Porter-Schau für Herbst/Winter 2011/12 am Freitag beschließen würde.

Christian Dior, John Galliano
Dior (Bild Pixel Formula)


   Es war eine ungewöhnliche Präsentation, die schon anders als üblich begann: mit einer nachdenklichen Rede von Dior-Chef Sidney Toledano. Er nahm Stellung zum Rauswurf Gallianos kurz vor dieser Schau. Der Brite war am vergangenen Dienstag wegen antisemitischer Pöbeleien Knall auf Fall entlassen worden.

   Toledano erinnerte an die Werte des Hauses und sprach sich gegen jede Form von Antisemitismus aus - in «Respekt vor den Opfern des Holocaust und der Würde aller Menschen». Er erinnerte daran, dass die Schwester des Gründers Christian Dior einst nach Buchenwald deportiert worden sei. Toledano nannte die Situation «eine Prüfung für das Haus» und widmete die Kollektion den Nähern oder Stickern, die sie gefertigt hatten.

   Die Kollektion selbst wirkte handwerklich äußerst gelungen. Inspiriert von britischen Dandys schwelgte sie in schwingenden Silhouetten mit Maxi-Capes und Mänteln zu kurzen wippenden Röcken oder Knickerbocker-Hosen. Materialien wie Samt, Kaschmir, Chiffon oder Pelz ließen das Ganze kostbar erscheinen.

   Natürlich stahl der Skandal um Dior den anderen irgendwie die Schau. Die Pariser Designer, die vor dem Dior-Defilee am Freitag dran waren, versuchten dennoch, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Und lieferten beachtliche Kollektionen ab.

   Bei der freundlichen Schau von Miyake-Designer Dai Fujiwara am Vormittag war von Aufregung nichts zu spüren. Auch hier sah man eine Abschiedskollektion - doch war diese geplant. Fujiwara will sich künftig anderen Aufgaben widmen, ein Nachfolger soll im April bekanntgegeben werden.

   Zu sanften Klavierklängen legten Helfer Schnittbögen auf dem Laufsteg aus, die sie dann in ein kunstvolles Origami-Faltwerk verwandelten. Das bekamen die Models dann als rombenförmigen Mantel, Rock oder Kleid mit spitzen Flügeln umgehängt. Ein toller Effekt, der auch auf Fujiwaras großartige Drapierkunst verwies. Die eigentliche Kollektion nahm die Rombenform auf, in Rockzipfeln, Ärmeln oder Kleiderlagen, realisiert auf grafisch klar gegliederten Entwürfen in hellen Grautönen. Daneben gab es gerundete Kleider mit leicht aufgeblasenem Volumen und Karomuster in schönen Rot-, Braun- und Orangetönen.

   Schon am Tag davor hatte Nicolas Ghesquière seine Kollektion für Balenciaga vorgestellt. Ghesquière ist einer der meistbeachteten Designer der Pariser Modeszene. Er zeigt stets Wegweisendes. Ungewohnt locker fielen seine Entwürfe aus. Er kombinierte wadenlange Faltenröcke mit fein gezeichneten Mustern in leuchtenden Farben zu voluminösen Jacken aus einem dicken Flechtwerk in Kunstleder. Schmale Hosen wurden zu eleganten Tageskleidern kombiniert, Mäntel fielen lässig. Insgesamt wirkte alles elegant und sehr pariserisch.

   Auch Balmain-Designer Christophe Decarnin erschien am Ende der Schau selbst nicht auf dem Laufsteg. Decarnin hat gerade einen Klinikaufenthalt - angeblich wegen Depressionen - hinter sich und war demnach noch nicht wieder «einsatzfähig». Nachdem er in der vergangenen Saison Edel-Punks auf den Laufsteg gebracht hatte, ging es nun sehr zivil zu: Fast puristisch wirkten die scharf geschnittenen, taillierten Glanzjacken und -westen in metallischem Blau, Grün oder Gold. Schmale Hosen und prunkvoll gemusterte Glitzerkleider in Mikromini-Länge komplettierten den Look.

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