Eine Holländerin staubt bei der Couture ab

Ist das die Zukunft der Couture? Models, die an schillernde Insekten erinnern oder von einer Medusa umschlungen scheinen, die Umhänge in Quallenform tragen und trotz aller Naturelemente wie künstlich erzeugte Außerirdische auftreten? Die junge Designerin Iris van Herpen schenkte den viertägigen Pariser Haute-Couture-Schauen für Herbst/Winter 2011/12 am Montagabend eine herausragende Präsentation, die durch technische Perfektion und seltene Originalität bestach.


Die holländische Designerin Iris van Herpen präsentierte am Montag ihre Herbst/Winter 2011/2012 Haute Couture-Kollektion bei der Paris Fashion Week - Foto: corbis

Die Strukturen der Entwürfe erschienen vertraut und fremdartig zugleich, seien es die Wellenformen, die Erdfarben, die Metallbänder oder die geometrischen Teile aus Zelluloid sowie die Hütchen in Form von Lautsprechern. Ein «Knochenkleid» in Skelettstruktur war aus fein gerundetem Polyethylen gearbeitet. Die Metallstäbe eines Minikleides hatte die Designerin der Aufspannung von Kinderregenschirmen entnommen. «Ich wollte die Dinge aus ihrem üblichen Kontext lösen», sagte van Herpen nach der Schau. Natürlich kann kaum jemand einige dieser Kleider tragen wie den überbreiten Rüschenrock aus metallischem Tüll, mit dem man durch keine Tür kommt. Doch die Lederkleider oder die aus Lederbändern geschnürten Anzüge stehen mancher jungen Partygängerin gut zu Gesicht.


Iris van Herpen-Kollektion - Foto: Pixel Formula

Die 1984 geborene Niederländerin war das erste Mal dabei - als geladene Gastdesignerin. Sie soll, ähnlich wie ihr italienischer Kollege Giambattista Valli, der leicht angestaubt wirkenden «Hohen Schneiderkunst» ein moderneres Gesicht geben. Das ist ihr gelungen. Am kommenden Freitag (8. Juli) wird sie auch in Berlin bei der Fashion Week ihre ungewöhnlichen Entwürfe präsentieren.

Giorgio Armani hatte seine Kollektion, die er am Dienstag zeigte, Japan gewidmet. Er sei von den tragischen Folgen des Erdbebens im vergangenen März tief betroffen gewesen, hieß es in einer Pressemitteilung des Hauses. Der Designer unterstütze ein Hilfsprogramm der Unesco für Kinder aus vom Erdbeben betroffenen Familien. Die fernöstlichen Einflüsse waren in den Entwürfen unverkennbar, doch fein dosiert. Schmale, wadenlange Röcke oder Hosen zu Jacken mit betonten Schultern waren aus schwarzem Wollcrêpe geschneidert und mit applizierten Seidendrucken geschmückt. Kirschblütenmuster, an Obis erinnernde breite Gürtel, Geisha-Frisuren und raffinierte Wickeleffekte verschmolzen Eleganz und Exotik. Als Blickfänger diente ein aus orangefarbenen Stäbchenreihen gefertigtes Kleid, das an japanische Tatamis erinnerte.

Alexis Mabille zeigte im überhitzten Théâtre du Châtelet zu lautem Vogelgezwitscher vom Band. Er belohnte sein Publikum für das Warten im nervigen Ambiente mit einer stimmigen Schau. Schulterfreie Sirenenkleider in dunkelbrauner Spitze, jadegrün glänzender Laméstoff, duftige Seidenoberteile zu knallgelben Strumpfhosen und elegante Fellärmel an zarten Tops vereinten Glamour und Dezenz. Muster und Federschmuck ließen die Models wie exotische «Vögel» erscheinen.

Dior zeigte am Montag die erste Couture-Schau, die ganz ohne den im Januar herausgeworfenen Designer John Galliano auskommen musste. Unter der Ägide von dessen langjährigem Assistenten Bill Gaytten, der zurzeit das Atelier koordiniert, entstand ein bunter Kleidermischmasch. Das Handwerk stimmte, an Ideen mangelte es nicht, doch der rote Faden fehlte. Das Ganze sollte von berühmten Architekten wie Frank Gehry inspiriert sein, doch wirkte es eher dem Zirkus entsprungen. Surreale Entwürfe mit architektonisch anmutenden Stofflagen, Kreise, Quadrate und psychedelische Muster fügten sich zu Hippiekleidern und New-Look-Kostümen, Tulpenröcken und mit Pompons besetzten Oberteilen. Neonfarben und Harlekin-Elemente ließen die puppenhaften Mannequins wie Spielfiguren erscheinen. Gaytten und seine Assistentin Susanna Venegas sind hochtalentiert, doch die Zukunft Diors wie auch die der Couture lag sicher nicht in dieser Schau.