Das Comeback von Jil Sander in Mailand - «Halleluja!»

Mailand (dpa) - Mit 68 genießen die meisten Menschen ihren Ruhestand, Jil Sander kündigt in diesem Alter zu ihrer früheren Modemarke an. Das sensationelle Comeback sorgte auf der Mailänder Modewoche für jede Menge Gesprächsstoff und die versammelte Fachwelt fragt sich: Was ist von dieser Entscheidung zu halten?


Jil Sander. Raf Simons.


Doch am Samstag war all das einen Moment lang unwichtig. Um 14.00 Uhr strömten sie alle in den Jil Sander Showroom unweit des Mailänder Stadtschlosses «Castello Sforzesco»: Journalisten, Einkäufer und Fotografen aus der ganzen Welt. Die Kollektionspremiere Herbst/Winter 2012/13 stand auf dem Programm. Ein Routinetermin. Bis bekanntwurde, dass der Belgier Raf Simons als Kreativdirektor abgelöst wird - von eben Jil Sander. Nun war es seine letzte Show - und ihr Schatten lag bereits über dem Geschehen.

Es wurde der emotionalste Moment der jüngeren Mailänder Modegeschichte. Als die Ovationen des stehenden Publikums nicht abebben wollten, kam Raf Simons ein zweites Mal auf den Laufsteg - und brach in Tränen aus. Zuvor hatte er einen Nachweis seines grandiosen Könnens abgeliefert: Einhüllende, meist kragenlose Kaschmirmäntel. Aus dem gleichen Material gefertigte Kleider in Patchwork-Optik. Röcke mit einem markanten Faltenwurf. Zarte Pastellfarben und tiefes Schwarz.

Das alles ist nun bereits Geschichte. Denn Jil Sander hat bereits die Stoffe für die Saison Frühjahr/Sommer 2013 ausgesucht und wird nun die Arbeit an der neuen Kollektion aufnehmen. «Gutes Design hat nichts mit dem Alter zu tun», sagt Christiane Arp, Chefredakteurin der deutschen «Vogue». Sie sieht kein Handicap in der Tatsache, dass die gebürtige Hamburgerin bereits 68 Jahre alt ist. «Das Comeback spricht für ihre unbedingte Leidenschaft für diesen Beruf.»

2004 hatte Jil Sander ihr Unternehmen verlassen - scheinbar endgültig. Es war ihr zweiter Rückzug innerhalb kurzer Zeit. Beide Male gab es Zwist mit dem damaligen Eigentümer, der Prada Gruppe.

«In den letzten Jahren haben in der Branche unglaubliche Beschleunigungsprozesse stattgefunden. Die Designer müssen immer mehr Kollektionen entwerfen. Und der mediale Druck hat durch die elektronischen Medien weiter zugenommen. Es wird spannend sein zu erleben, wie sich Jil Sander heute in diesem System zurechtfindet», meint Michael Werner, Chefredakteur des Fachmagazins «TextilWirtschaft».

Dass Alter nicht unbedingt ein Kriterium für mangelnde Nähe zum Zeitgeist sein muss, beweist seit Jahren eindrucksvoll Karl Lagerfeld. Andererseits gibt es gerade in Italien viele in Ehren ergraute Designerinnen, von Laura Biagiotti bis Mariuccia Mandelli von Krizia, denen es sichtlich schwer fällt, ihrer großen Erfolgsgeschichte neue relevante Kapitel hinzuzufügen.

«Frauen wollen heute eine Mode, die nah an ihren Bedürfnissen ist. Und dafür stand Jil Sander immer in ihrer Karriere», sieht Christiane Arp gerade in dieser Zeit gute Vorzeichen für ein erfolgreiches Comeback. Und auch Michael Werner weiß aus ersten Gesprächen mit den Einkäufern: «Dort ist das Echo überaus positiv - bis hin zum Ausruf «Halleluja«! Es gibt im Handel ein Bedürfnis nach Qualität und Berechenbarkeit. Raf Simons hat die DNA der Marke Jil Sander sicher um einige Facetten erweitert. Aber so ein Weg ist immer auch riskant.»

Der große Beifall für den Belgier kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass er zwar immer ein Liebling der Presse war, aber sein hohes ästhetisches Gespür letztlich nicht in überragende Verkaufszahlen übersetzen konnte.

Im Juni werden in Mailand die Männertrends für Frühjahr/Sommer 2013 gezeigt. Der Höhepunkt jener Modewoche steht bereits heute fest. Es wird die Comeback-Show von Jil Sander sein.

Von Axel Botur, dpa

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