Trachten drückten dörfliche Lebensform aus

Berlin/Dortmund (dpa) - An diesem Wochenende stieg das Deutsche Trachtenfest 2012 in Altenburg (Thüringen). Woher die Trachtenmode kommt und was sie früher bedeutet hat, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Prof. Gabriele Mentges von der Universität Dortmund.


Das Deutsche Trachtenfest in Altenburg. (Foto: deutsches-trachtenfest2012.de)


Wie ist die Trachtenmode in Deutschland entstanden?

«Das fing erst Ende des 18. Jahrhunderts an, mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, mit der Abschaffung der Ständeordnung und dem Aufgeben feudaler Herrschaftsprivilegien. Dabei entwickelten sich durch die stärkere Absonderung des Landes und gleichzeitig durch die Anerkennung des Landes eigene regionale Kleidungsstile. Man muss die Umbruchsituation begreifen, die Möglichkeit, jede Kleidung zu tragen. Hier haben sich regionale Besonderheiten, die schon da waren, besonders ausgeprägt.»

Welche Bedeutung kam der Tracht damals zu?

«Getragen hat man sie aus verschiedenen Gründen. Einmal war man nicht so informiert über die bürgerliche Mode wie die Stadtbevölkerung. Man hat bestimmten regionalen Gepflogenheiten angehangen. Viele Elemente in der Kleidung waren eigentlich veraltet. Es gab im Gegensatz zur sich ständig wandelnden bürgerlichen Mode ein pittoreskes Aussehen, das man einerseits lustig fand, aber auch gewürdigt hat. Man hat gesagt: Die Tracht ist das Bewahrende, das ist etwas, das bleibt, während die Mode sich verändert.»

Haben die Menschen diesen Gegensatz bewusst wahrgenommen?

«Ja. Das Bürgertum hat damals schon erkannt, das damit ein konservatives Potenzial in der Landbevölkerung gestärkt wurde. Es war Ende des 19. Jahrhunderts ein richtiger Hype, Trachten zu sammeln, es gab Trachtenvereine. Die Landbevölkerung hat das nicht so bewusst gemacht. In den Trachten wurden die Lebensetappen unterschieden: verheiratet oder nicht, Alt und Jung, und vor allem das Geschlecht. Da kommt ganz stark eine dörfliche Lebensform zum Ausdruck.»

Hat Trachtenmode heute noch eine soziale Bedeutung?

«Nein, überhaupt nicht mehr. Sie lebt auf in den Folklorevereinen. Es ist eine Art von spielerischer Kostümierung, der Spaß, diese Kleidung selbst herzustellen, sie bei bestimmten Festen zu tragen. Es ist eine Freizeitaktivität wie vieles andere auch.»

Gespräch: Philipp Laage, dpa

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